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Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz vom 22.06. bis zum 26.06.2019 „Gegen das Vergessen“

02.07.2019

Vor einigen Tagen sind wir von unserer Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz/Birkenau zurückgekehrt. Unsere Gruppe bestand aus 14 Mädchen und 11 Jungen im Alter zwischen 16 und 18 Jahren aus zwei 11. Klassen und wurde betreut von der Klassenleiterin Kirsten Prochnio unterstützt durch Anke Mißmann.

Wir hatten von Anfang an den Wunsch, dass unsere Schüler durch diese Reise in so einer Form emotional erreicht werden, dass sich diese Eindrücke nachhaltig auf ihre Persönlichkeitsentwicklung auswirken und aktuelles politisches Geschehen in unserem Staat aber auch darüber hinaus viel bewusster wahrgenommen und beurteilt wird. Jetzt nach der Reise haben wir die Hoffnung, dass sie politischen Ereignissen sensibler, kritischer vielleicht auch engagierter begegnen.

Da in unserer Stadt im Rahmen des Holocaust-Jahrestages mehrere Veranstaltungsreihen angeboten wurden, war es nicht schwer, den Schülern den Einstieg in dieses Thema zu ermöglichen. Gemeinsam begaben wir uns auf die Spuren des jüdischen Lebens in Stralsund. Wir besuchten eine Ausstellung zum Thema und absolvierten eine Stadtführung „Entlang der Stolpersteine“. Während der Fahrt nach Polen sahen wir uns gemeinsam den Film „Schindlers Liste“ an.

Am Sonntag, dem 23.06. besuchten wir am Vormittag den Ort „Oswiecim“(Auschwitz). Ein geführter Stadtrundgang mit dem Besuch des Jüdischen Zentrums und der Synagoge ermöglichte uns einen Einblick in das jüdische Leben in Polen vor und nach dem Holocaust. Am Nachmittag traten wir das erste Mal durch das Tor mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“. Niemand aus unserer Gruppe wird jemals dieses Gefühl vergessen. Beim nachfolgenden Rundgang vergingen die Stunden wie im Fluge. Jeder Block, den wir betraten, erwartete uns mit neuen schrecklichen Zeitzeugen. Und überall diese Fotos der Opfer - deren Augen, die uns verfolgten, mahnten, anklagten,... Hoffnung suchten.

Es herrscht eine ganz besondere Atmosphäre auf diesem Gelände, die vielen Besucher an diesem Tag und kein einziges Lächeln, dafür Betroffenheit und Tränen. Einen besonders tiefen Eindruck hinterließ das Buch im israelischen Haus. Dieses gigantische Buch mit

6 Millionen Namen der vernichteten Juden verdeutlicht in ganz besonderem Maße das Ausmaß der Mordmaschinerie.

In der abendlichen Reflexionsrunde äußerten sich alle Schüler sehr emotional zu dem Erlebten. Ohnmacht, Wut, Trauer, Fassungslosigkeit waren die meistgenannten Empfindungen. Eine Äußerung einer Schülerin möchten wir zitieren. Sie fragte sich und uns: „Wofür steht das `NICHT` im Wort Vernichtungslager?“ Für uns war das ein Moment, in dem wir realisierten, wie tiefgründig unsere Jugendlichen dort vor Ort angesprochen wurden.

Am Montagvormittag besuchten wir die Länderausstellungen im Stammlager Auschwitz und absolvierten einen Workshop im Haus der Sinti und Roma mit Frau Ewa Pasterak, die das Schicksal der Kinder im Lager besonders thematisierte. Nach diesen erschütternden Eindrücken fuhren wir ins Vernichtungslager-Birkenau. Einer unserer Schüler schrieb im Anschluss: „Die Treppen auf die Spitze des Hauptturms waren schwer und wurden mit jeder Treppenstufe schwerer, da sich das eigene Päckchen auf dem Rücken ungewollt mit Schuldgefühlen füllte.....“. Wir nutzten diesen Nachmittag auch zum Stillen Gedenken. Jeder Schüler legte eine Rose an seinen emotionalsten Ort. Alle äußerten später, dass es so viele emotionale Orte gab, dass eine Auswahl unmöglich erschien. Welcher Schrecken ist der schlimmste, kann man diese vielen grausamen Taten abwägen? Eine Schülerin äußerte: „Ich möchte aus einem Flugzeug tausende Rosen auf diesen Ort werfen, und selbst dann wären es noch zu wenige.“.

Die abendliche Reflexion war schon wie am Tag zuvor sehr emotional bewegend für alle Teilnehmer. Unsere Schüler sprachen so viele ganz individuelle Gedanken an; leise, laute, verzweifelte, wütende, fragende, anklagende, hoffnungsvolle,... so dass uns an diesem Abend ganz bewusstwurde, wie wertvoll diese Reise für jeden Teilnehmer ist. Als Fazit vielleicht zwei Sätze der Schüler: „Wer das hier gesehen hat, der zieht niemals freiwillig in den Krieg.“, „Ich denke, dass jeder, der diese Reise nicht mit gemacht hat, etwas Wichtiges verpasst hat. Ich bin dankbar für die Chance auf solche Momente/Eindrücke.“

Am Dienstag durften wir ein Zeitzeugengespräch führen. Eine 82-jährige Roma erzählte von ihren Erlebnissen und beantwortete uns noch lange danach zahlreiche Fragen, ebenfalls ein Höhepunkt unserer Reise. Ein Junge schreibt darüber: „Wenn ich jetzt daran denke, meine ganze Familie von einen auf den anderen Tag zu verlieren, bräche für mich eine Welt zusammen und deshalb war das Zeitzeugengespräch sehr emotional, da wir die letzte Generation sind, welche die Möglichkeit zu so einem Treffen bekommen. Eine so starke Person kennen gelernt zu haben, ist ein undenkbares Gefühl. DANKE!“.

Danach erlebten wir Krakau. Da der Stadtrundgang bei über 30 Grad stattfand, wurde er zu einer echten Herausforderung für alle. An dieser Stelle schreibt eine Schülerin: „Es handelte sich bei dem Rundgang um 3,5 Stunden. Ist das viel? Nein, warum beschweren wir uns dann? Die Leute damals wären froh gewesen, wenn sie nur 3,5 Stunden arbeiten müssten. Wir mussten nur wandern im Schatten und wir durften zu dem trinken.“ Auch dieser Tag lieferte uns noch einmal Einblick in die Lebensbedingungen der Juden im Dritten Reich, aber uns wurden auch Beispiele des Widerstands und der Solidarität gezeigt.

Den Abend ließen wir in der wunderschönen Krakauer Altstadt ausklingen.

Die 10 stündige Rückreise nutzten unsere Schüler zur Vervollständigung unseres Reisetagebuches. Allen war es ein Bedürfnis, abschließend einige Gedanken darin festzuhalten. So entstanden Texte, Gedichte und Bilder.

Anfangs haben wir befürchtet den Jungen und Mädels zu viel zugemutet zu haben, auch während der Fahrt mussten wir ganz viel zu hören, behutsam trösten, auch Tränen trocknen.

Am Ende müssen wir sagen, es war die anstrengendste und tiefgründigste Klassenreise, die wir je unternommen habe. Es war aber auch eine Reise mit dem intensivsten Kontakt zu den Schülern. Danke für diese Gelegenheit.

Wir haben und im Vorfeld vorgenommen, eine Ecke des Schulflures mit Bildern unseres emotionalsten Ortes und dazugehörigen Gedanken zu gestalten. Nun im Anschluss an unsere Reise müssen wir diese Idee verwerfen. Uns fehlt das Bildmaterial. Unsere Gruppe war nicht in der Lage, zu fotografieren. Das bedeutet, dass 25 junge Menschen tatsächlich während der Projekte nicht einmal ihr Handy in der Hand hatten. Wir finden, diese Tatsache spricht schon allein für sich. Wir haben dies am Abend thematisiert und fanden das Fotografieren dieses Ortes unangemessen und respektlos. „Jedoch wohl am meisten schockiert haben mich Reaktionen von Besuchern. Einige stehen davor (Opferhaare,

-schuhe) und machen Selfies mit dem Partner. Andere fanden es gut in Birkenau an die Innenwände der Baracken ihre Namen und Daten zu ritzen.“, fasst eine Schülerin zusammen.

„Diese Orte sind heilige Orte, die darf man nur mit Respekt und Achtung betreten.“

„Ich bete hier im stillen Gedenken an alle Opfer und Überlebenden und, dass so etwas Grausames nie wieder passiert.“

Auch wenn es keine Bilder an den Wänden werden, es sind Bilder in den Köpfen und Herzen von 25 jungen Menschen entstanden, die niemals vergessen werden.

„Jeder Mensch sollte einmal da gewesen sein und ich bin froh diese Möglichkeit bekommen zu haben, um gegen das Vergessen mitzuwirken.“ 

 

Abschließend möchten wir uns bei den Organisatoren der Europäischen Akademie MV, den Förderern des Bunds und dem IBB Dortmund bedanken. Wir danken den Betreuern vor Ort ganz besonders Frau Teresa Milon-Czepiez, den Guides in den Museen, der Zeitzeugin (der Name ist uns leider nicht mehr bekannt) und dem Busunternehmen Odra Travel.

 

Stralsund, 01.07.2019

 

Kirsten Prochnio

Anke Mißmann

 

Foto: Vorschaubild zur Meldung: Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz vom 22.06. bis zum 26.06.2019 „Gegen das Vergessen“